Dr. Yvonne Gönster schaut in die Vitrine mit dem Kammbartschlüssel in der Ausstellung.

Dr. Yvonne Gönster und der Kammbartschlüssel in der Ausstellung. Foto: DSBM/Emmanuel Giagtzoglou

#GenauGeschaut 1: Der französische Kammbartschlüssel – Die „Mona Lisa“ im Deutschen Schloss- und Beschlägemuseum

Juni 2024

Mein Name ist Yvonne Gönster und ich leite das Deutsche Schloss- und Beschlägemuseum in Velbert. Unsere Sammlung umfasst rund 17.000 Schlösser, Schlüssel und Beschläge. Ich habe mich inhaltlich bereits mit vielen Objekten auseinandergesetzt und bin immer wieder fasziniert über die erstaunlichen Geschichten, die hinter unseren Exponaten stecken. Eines meiner Lieblings-Objekte ist der sogenannte französische Kammbartschlüssel, der wegen seines Aussehens manchmal auch Laternengriffschlüssel genannt wird. Er wurde um 1630 in Frankreich hergestellt und ist 16,2 cm hoch.

Ein kunstvoll gestalteter Schlüssel in Großaufnahme
Der französische Kammbartschlüssel aus dem Deutschen Schloss- und Beschlägemuseum (Foto: DSBM/Lange Photography, Andreas Lange)

Schaut man sich den Bart des Schlüssels genauer an, erkennt man 21 kleine, kreisrunde Durchbrüche, die aufwendig eingelassen wurden. Daran schließt sich der eigentliche Bart mit seinen 29 hauchdünnen Lamellen an, die jeweils eine Stärke von lediglich 0,8 mm aufweisen und die wie ein Kamm dicht nebeneinander angeordnet sind. Der kurze Halm des Schlüssels wird durch ein Kapitell aus drei horizontalen Platten abgeschlossen. Darüber befindet sich eine beidseitig sichtbare Rosette mit zwei aufgesetzten Löwenmasken, die von einem durchbrochenen Aufsatz in Laternenform gekrönt wird.

Großaufnahme mit Details des Schlüsselbarts mit den Durchbrüchen und Lamellen
Detail des Schlüsselbarts mit den Durchbrüchen und Lamellen (Foto: DSBM/Lange Photography, Andreas Lange)

Mich begeistert der Schlüssel nicht nur wegen seiner feinen Ausarbeitung und detaillierten Verzierung, sondern vor allem wegen seiner Herstellung. Denn hier wurde die Eisenschnitttechnik angewendet. Bei diesem anspruchsvollem und sehr zeitaufwendigem Verfahren wird zunächst mit einem Gravierstichel eine Umrisszeichnung auf dem Werkstück erstellt. Danach wird das Material bearbeitet, indem kleine Späne mit Säge, Meisel, Feile, Gravierstichel und Bohrer vom kalten Eisen abgehoben werden.

Der vorliegende Schlüssel besteht aus drei Einzelteilen, die mit dieser Technik hergestellt wurden: (1) der Bart bis zur unteren Platte des Kapitells, (2) das restliche Kapitell bis zur Rosette und (3) die Laterne. Anschließend wurden die Teile zusammengesetzt. Die Eisenschnitttechnik ist seit der Antike bekannt, doch wurden Durchbrüche sowie vollplastische Objekte erst ab dem 16. Jahrhundert auf diese Weise hergestellt. Bei den hauchdünnen Lamellen des vorliegenden Schlüssels gab es wahrscheinlich zahlreiche Fehlversuche. Daher hat die Herstellung unseres Schlüssels vermutlich ein Jahr gedauert – eine beachtliche Leistung, wie ich finde. Der prachtvolle und kostbare Schlüssel ist daher für mich die „Mona Lisa“ unserer Museumssammlung.

Großaufnahme eines Schlüssels
Auch dieser Schlüssel mit der Darstellung eines Greifen wurde mit der Eisenschnitttechnik hergestellt. Es handelt sich allerdings nicht um einen französischen Kammbartschlüssel, da der Bart anders ausgearbeitet wurde und die Laterne fehlt (Foto: DSBM / Lange Photography, Andreas Lange).

Kammbartschlüssel wurden zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert gefertigt und unterscheiden sich lediglich in der Ausführung ihrer einzelnen Elemente, also zum Beispiel in der Ausgestaltung der Laterne. Das Aussehen der Schlüssel (samt der zugehörigen Schlösser) war exakt vorgeschrieben, weil diese in Frankreich als Meisterstücke gefertigt wurden. Dabei legten Statuten des Schlosserhandwerks aus dem Jahre 1411 die Vorgaben fest, über die zur Bewahrung der Qualitätsstandards streng gewacht wurde. Eine Verordnung von 1699 milderte schließlich die strengen Statuten und lies auch andere Meisterstücke zu – dies war gewiss eine Erleichterung für die angehenden Meister, denn die Herstellung eines solchen Schlüssels war sehr schwierig.
Aus all diesen Gründen wurde mir während der Erarbeitung eines neuen Museumskonzepts recht schnell klar: Unsere „Mona Lisa“ ist so wichtig, dass „sie“ eine eigene Vitrine in der neuen Dauerausstellung bekommen muss!

Dr. Yvonne Gönster, Deutsches Schloss- und Beschlägemuseum Velbert

Kind macht Luftsprung durch einen großen Ring

Der „Ort der guten Nachrichten“

Oktober 2023

Mit ihrer Kraft hat die Naturgewalt Wasser als Transportweg oder Antriebsquelle tiefgreifende Auswirkungen auf die Geschichte und Entwicklung des Bergischen Landes. Davon hat das letzte Objekt des Monats erzählt. Das Wasser in unserer Region ist aber nicht nur ein Werkzeug der Menschen, sondern auch eine manchmal unaufhaltbare Kraft.

Als im Juli 2021 das NaturGut Ophoven von einem Jahrhundert-Hochwasser getroffen wurde, zeigten sich die Auswirkungen dieser Naturgewalt in ungeheurem Ausmaß. Im Zuge des fortschreitenden Klimawandels kann man davon ausgehen, dass Extremwetter-Ereignisse in der Zukunft nicht nur im Bergischen Land vermehrt vorkommen.

Die negativen Schlagzeilen der letzten Monate sind besorgniserregend und in Teilen der Bevölkerung macht sich Hoffnungslosigkeit oder auch Angst breit. Viele fragen sich: Reichen unsere Bemühungen noch aus oder ist alles schon zu spät?

Unser Objekt des Monats möchte genau hier ansetzen und dagegenwirken. Der „Ort der guten Nachrichten“ ist eine neue Installation im Klimaerlebnis-Park des NaturGut Ophovens. Im Zuge des Projektes „BildungKlima-plus-56“ wurde diese konzipiert, umgesetzt und auf dem Gelände neu aufgebaut.

Auf dem Weg hin zu diesem Objekt finden unsere Gäste mehrere runde Schilder mit guten Nachrichten, die unser Klima betreffen. Diese Nachrichten lenken den Blick auf die positiven Errungenschaften der Klimaschutzbewegung. Sie machen Hoffnung und Mut, dass es sich lohnt, sich für die Natur und das Klima einzusetzen und dass bereits vieles auf den Weg gebracht wurde.

Dort liest man zum Beispiel:

Meine Kinder kennen später nur noch glückliche Kühe und in den Ställen herrscht Feierlaune. Esra, 12 Jahre
(Die Fleischproduktion in Deutschland ist 2022 das sechste Jahr in Folge zurückgegangen. So stark wie nie zuvor. Es wurde rund acht Prozent weniger Fleisch als 2021 produziert.)

Rauchende Schornsteine kennen bald nur noch Oma und Opa. Denn Energie wird nur noch aus erneuerbaren Energien gewonnen. Leo, 13 Jahre
(Wir bewegen uns hier immer mehr auf diese Zukunft zu. Fast ein Viertel des Stroms der EU wurde 2022 durch erneuerbare Energien gewonnen. Deutschland erzielte mit fast 43% einen neuen Rekord.)

In meiner Zukunft finden wir auf der ganzen Welt überall Menschen, die an andere denken und sich um unsere Erde kümmern. Niemand ist mehr traurig und allein. David, 11 Jahre
(Bereits heute gibt es Menschen, die mit guten und kreativen Ideen die Welt ein wenig besser machen wollen. Zum Beispiel strickte in Australien ein 109-jähriger Mann Wollpullis für von einem Ölleck betroffene Pinguine. Dank dieser verschlucken sie nicht das giftige Öl, wenn sie sich putzen.)

Folgt man den guten Nachrichten, erreicht man die Hauptinstallation, den Blickfang: Eine 2,50 Meter hohe, zweidimensionale Erdkugel. Wenn man durch diese Installation hindurch schaut, werden die Gebäude des historischen Gutshofs des NaturGuts Ophoven „eingerahmt“ – ein Ort, an dem Menschen in jedem Alter etwas über die Umwelt, unser Klima und dessen Schutz lernen. Der „Ort der guten Nachrichten“ verbindet das NaturGut Ophoven und die Besucher mit der Welt.

„Nimm dir Zeit für einen Luftsprung! Gemeinsam können wir viel bewegen!“ lesen unsere Gäste auf dem Objekt. Es soll die Betrachtenden animieren innezuhalten und sich auf die schönen Dinge zu besinnen und auf diese Weise eine positive und aktive Stellung im Klimaschutz zu beziehen.

Tamara Dey, NaturGut Ophoven

Mit dem “Ort der guten Nachrichten“ geht unsere Geschichten-Reise quer durch das Bergische Land in eine kleine Pause. Im Netzwerk beenden wir gerade unser dritte Runde der Zusammenarbeit. Wir hoffen nun unsererseits auf gute (Förder-)Nachrichten, damit das Netzwerk in der erprobten Form auch zukünftig weiter wachsen und aktiv bleiben kann.

Wenden eines halbfertigen Rundlings, 1920er Jahre. Carl Picard Natursteinwerk, Schopp-Krickenbach

Wenden eines halbfertigen Rundlings, 1920er Jahre. Carl Picard Natursteinwerk, Schopp-Krickenbach

Schleifsteine

September 2023

Ohne den Transport der Produktionsgüter mit der Bahn, von denen unsere letzten beiden Objekte des Monats berichteten, wäre eine weltweite Expansion der bergischen Werkzeugindustrie nicht möglich gewesen. Auch wenn der „Kiepenkerl“ zu Fuß die Kundschaft in der Region und dabei auch entlegene Orte erreichte und Pferdefuhrwerke lange eine Rolle spielten.

Die neuen Verkehrswege erleichterten den Absatz der vielfältigen bergischen Schmiedeerzeugnisse. Ebenso konnten die für die Produktion nötigen Rohstoffe und Erzeugnisse wie Kohle und Stahl zu den Werkstätten transportiert werden. Während sich das Automobil auf kürzeren Wegen durchsetzte, war die Eisenbahn für lange Strecken das maßgebliche, revolutionäre Transportmittel.

An den Schleifkotten im Bergischen Land schliff man früher an Schleifsteinen mit dem beachtlichen Durchmesser von bis zu drei Metern. Diese bis zu drei Tonnen schweren Kolosse wurde bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts aus Sandstein geschlagen.

Die Kohlfurther Firma Ernst Friedrich Tesche besaß Steinbrüche in der Eifel und in der Pfalz. Mit ihren Natursteinen versorgte sie die heimische Industrie, auch den Manuelskotten.

Mit dem Pferdefuhrwerk wurden die tonnenschweren Kolosse bis zur Mosel und von dort mit Lastkähnen auf dem Wasserwege nach Leverkusen-Hitdorf, dem Hafen für das Bergische Land, transportiert. Ab 1870 kam auch die Bahn zum Einsatz.

Mit der Eisenbahn konnten die Schleifsteine nun in großen Stückzahlen bequem herbeigeschafft werden.
Allein in Remscheid benötigte man um 1900 herum an die 2.000 Schleifsteine jährlich! Daher wurden ganze Güterzugladungen ins Bergische geliefert.

Am Zug wurden Rungen- oder Plateauwagen eingesetzt, die ein seitliches Überstehen der Ladung erlaubten. Die Spurbreite der Bahn definierte die Schleifsteine auf maximal drei Meter und vier Zentimeter. Am Manuelskotten wurden jedoch nur Steine mit einer Breite von zwei Metern und achtzig Zentimetern eingesetzt, da größere nicht durch die Tür passten.

Zur Ladungssicherung wurden Rundhölzer in die Achslöcher gesteckt, um ein Verrutschen der Ladung zu Vermeiden. Abgepolstert wurde die Ladung mit Tannenreisig, der auch während des Hängens der Steine genutzt wurde.
Der Transport zu den Bahnhöfen und zu den Werkstätten geschah zunächst mit Pferdefuhrwerken, später dann mit kleineren Lastwagen.

Auch wenn Sandsteine aus gesundheitlichen Gründen schon in den 1930er Jahren verboten wurden, wurden diese bis in die 1970er Jahren noch waggonweise mit der Bahn angeliefert.

Die heute genutzten Kunststeine besitzen – im Vergleich zu den Sandsteinen – eine gut fünfmal höhere Schleifkraft. Außerdem lassen sich Form und Zusammensetzung für den jeweiligen Anwendungsbereich individuell anpassen. An den neueren Schleifmaschinen werden zunehmend kleinere Steine und Schleifbänder eingesetzt. Somit spielt der Einsatz von Sandsteinen inzwischen keine Rolle mehr.

Die Kohlfurther Firma Tesche spezialisierte sich ab den 1930er Jahren auf die Herstellung von Kunststeinen. Seit 2006 gehört die Firma Tesche zur Wuppertaler Clauberg Gruppe, die nach wie vor die Steine für den Manuelskotten liefert – eine Lieferstrecke von nicht einmal zehn Kilometer.

Heute dienen alte, abgenutzte Sandsteine noch am Teich und Bachlauf des Manuelskottens als Befestigungsmaterial und Hochwasserschutz. In der Werkstatt können Sie die großen, von Wasserkraft angetriebenen Schleifsteine in Aktion sehen.

Georg Jürgens, www.manuelskotten.de

Ein historischer Film von 1971 zeigt die Schleifsteinherstellung und den Transport in das Bergische Land, zu finden auf dem Youtube-Kanale von „Alltagskulturen im Rheinland“: Herstellen eines Schleifsteins in der Sandsteingrube Chr. Hort – YouTube.


Nicht nur am Manuelskotten spielte und spielt das Wasser des Teiches und die genutzte Wasserkraft eine große Rolle. Über den Umgang mit dieser Naturgewalt erzählt unser nächstes Objekt des Monats.

Kofferwagen, gepackt mit vielen verschiedenen Koffern

Kofferwagen, Eisenbahn- und Heimatmuseum Erkrath-Hochdahl, Foto: Peter-Achim Segler

Kofferwagen

August 2023

Wenn die Händler aus Remscheid ihre Werkzeuge in der ganzen Welt anboten (siehe unser Objekt des Monats Juli 2023), verreisten sie mit einem Koffer. Und davon gibt es im Eisenbahn- und Heimatmuseum Erkrath-Hochdahl eine ganze Menge!

Die eigenen Sachen gut verpackt zu wissen: diesen Wunsch gab es schon seit ewigen Zeiten. War es die Reise mit der Postkutsche oder dem Planwagen: es wurden Körbe, Truhen oder Kisten, manchmal auch Leinensäcke benutzt.

Irgendwann kam mutmaßlich ein Stellmacher auf die Idee, eine kofferähnliche Kiste zu bauen, die nicht zu breit war, mit einem Griff versehen und eine nicht allzu lange Strecke getragen werden konnte. Der besondere Pfiff dabei war, beide „Kofferteile“ einerseits gut öffnen und schließen zu können und andererseits für Unbefugte sogar verschlossen zu halten. Damit war die Urform des „Koffers“ angelegt.

Solch ein Koffer war immer noch recht schwer, bereits im leeren Zustand. Man probierte es mit Sperrholz. Das war schon besser. Dann folgte der Einsatz von verfestigter Pappe und Leder.

Irgendwann ließ sich ein Erfinder eine feste, aber leichte, flächige Masse als ‚Vulkan-Fiber‘ patentieren. Und heute, seit 1972, gibt es die Rollkoffer aus Kunststoff mit vier leichtlaufenden, lenkbaren Rollen und versenkbarem Tragebügel.

Den Gipfel der Koffergilde stellt der Schrankkoffer dar. Der hatte seine Blütezeit im 19. Jahrhundert, als die Dampfer aufkamen und man sich bequeme Schiffspassagen leisten wollte. Nur schlug sich kein Gutbetuchter mit diesen Trumms rum. Da brauchten sie den Dienstmann. Und diese Kabinenkoffer hatten es in sich: Fächer, Kleiderstangen und Bügel, alles vom Feinsten – und sauschwer.

All diese Koffer wurden früher bei der Bahn an einem Gepäckschalter auf dem Bahnhof abgegeben. Dann luden die Bahnangestellten die Koffer auf einen Kofferwagen, wie er im Lokschuppen Hochdahl zu sehen ist, und kümmerten sich darum, dass die Koffer in den richtigen Zug und dort in einen Gepäckwagen oder Packwagen zur Beförderung von Reisegepäck eingeladen wurden. Die Reisenden konnten sich ihre Koffer am Gepäckschalter des Ankunftsbahnhofs wieder abholen. Sie mussten sich während ihrer Reise nicht um das Gepäck kümmern. Was für einen Service es früher gegeben hat!

Koffer können viele Geschichten aus ihrem Leben erzählen! Lesen Sie mehr auf der Webseite des Eisenbahn- und Heimatmuseums Hochdahl-Erkrath: https://www.lokschuppen-hochdahl.de/wordpress/2018/06/29/ein-koffer-erzaehlt

Dr. Ralf Fellenberg, Eisenbahn- und Heimatmuseum Hochdahl-Erkrath



Doch nicht nur Handelsreisende, ihre Koffer und Werkzeuge reisten mit der Bahn. Auch der Transport der bis zu drei Tonnen schweren Schleifteine für die bergischen Kotten aus der Eifel stellte eine Herausforderung dar. Mehr dazu im nächsten Objekt des Monats.

Wetterfahne. Foto: Dr. Andreas Wallbrecht, Deutsches Werkzeugmuseum Remscheid

Wetterfahne

Juli 2023

Auch in Remscheid wurde und wird die bergische Kaffeetafel zelebriert und dafür die Dröppelmina benötigt – zuerst importiert und später vor Ort hergestellt. Doch der Schwerpunkt des Handels lag hier auf dem Werkzeug.

Es wurde so viel Werkzeug in die ganze Welt verhandelt, dass Remscheid den Beinamen „Seestadt auf dem Berge“ erhielt. Bereits um 1800 besaß in Remscheid mindestens das Handelshaus P.J. Diederichs und Söhne eine Flotte von rund zwanzig seefähigen Schiffen!

Hiermit wurden die Weltmeere befahren und Werkzeuge nach Afrika, Amerika oder Australien geliefert. Nur so war es möglich, die Nachfrage nach den hervorragenden Werkzeugen zu decken. Für deren Herstellung war die bergige Region perfekt, für diesen Handel nicht. Er war aber so bedeutend, dass die Stadt diesen Titel bekommen hat.

Hier einige Beispiele für die Ziele: Boston, Philadelphia, Baltimore, Havanna, Bahia, Afrika und Australien. In einigen Ländern wurden sogar Niederlassungen eingerichtet. Das Exporthaus Hasenclever: 1830 Rio de Janeiro, 1835 Buenos Aires, 1904 New York oder Robert Böker in Mexico Stadt (als eigenständige Firma).

Die Zulieferung erfolgte per Esel, Karren, Kutsche oder kleiner Boote über Wupper und Rhein, um dann in den Häfen der Nordsee auf die großen seefähigen Schiffe umgeladen zu werden. Die Wetterfahne zeugt von diesem regen Exporthandel der Remscheider Kaufleute im 19. Jahrhundert. Sie stammt von dem Kaufmannshaus Graber in Remscheid-Goldenberg.

Sie finden dieses besondere Objekt in der Handelsabteilung des Deutschen Werkzeugmuseums in Remscheid. Hier sehen Sie, welchen Aufwand die damaligen Händler getrieben haben, um die Werkzeuge in der ganzen Welt zu verkaufen – drei Wochen Schiffsreise beispielsweise nach Afrika, alle Musterstücke in großen Koffern dabei, dann im Land ohne Infrastruktur per Eisenbahn, Kutsche oder Auto zu den Kunden und so weiter und so weiter. Aber die Remscheider Händler und die Werkzeuge waren und sind auf der ganzen Welt vertreten.

Fotos und Text: Dr. Andreas Wallbrecht, Deutsches Werkzeugmuseum

Die Wetterfahne in der Ausstellung. Foto: Dr. Andreas Wallbrecht, Deutsches Werkzeugmuseum Remscheid
Die Wetterfahne in der Ausstellung. Foto: Dr. Andreas Wallbrecht, Deutsches Werkzeugmuseum Remscheid
Casa Böker. Foto: Dr. Andreas Wallbrecht, Deutsches Werkzeugmuseum Remscheid
Casa Böker. Foto: Dr. Andreas Wallbrecht, Deutsches Werkzeugmuseum Remscheid

Passend zu den Reisemonaten des Sommers beschäftigt sich unser nächstes Objekt des Monats noch etwas genauer mit dem wichtigsten Accessoire: dem Koffer. Jeder erzählt eine einzigartige Geschichte, von exotischen Reisezielen und unerwarteten Begegnungen bis hin zu unvergesslichen Momenten. Ein bergisches Museum kann darüber besonders viel berichten.

 

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Krahnenkannen aus Porzellan und Zinn, Niederbergisches Museum Wülfrath, Uli Erbach

Krahnenkannen aus Porzellan und Zinn, Niederbergisches Museum Wülfrath, Uli Erbach

Krahnenkanne aus Porzellan

Juni 2023

Auf den Leibgürtel für Frauen der Insel Enggano folgt die Krahnenkanne aus Porzellan als Objekt des Monats Juni. Beide Objekte thematisieren frühe Handelsbeziehungen. Sie fügen sich somit nahtlos in das Motto unseres Themenjahres 2023 „Alles in Verbindung“ ein.

Der Ursprung, den man der Krahnenkanne nachsagt, führt uns nach Japan. Es soll um das Jahr 1700 gewesen sein, als der Matrose Piet Griet aus den Niederlanden mit dem Handelsschiff in Japan anlegte.
Auf seinen Landgängen sah er das erste Mal eine „Krahnenkanne“ aus Porzellan. Er war begeistert und kaufte sie, um sie mit nach Hause zu nehmen. Doch wie es das Schicksal so wollte, zerbrach die Kanne auf dem Transportweg in vier Teile.
Der Matrose war von den Vorzügen seiner Kanne so überzeugt, dass er einen Zinngießer suchte und ihn auch fand. Dieser goss ihm mit Hilfe der vier verbliebenen Porzellanteile seine Kanne in Zinn nach.
Damit löste er einen wahren Exportschlager aus, der im Bergischen Land zu einer langjährigen Zinngießer-Tradition führte. Die Zinnkanne in barocker Form, liebevoll „Dröppelmina“ genannt, war in vielen Bergischen Haushalten zu finden. Sie zierte den festlich gedeckten Tisch zur Bergischen Kaffeetafel oder zum sonntäglichen „Koffendrenken“.

Bei den Bergischen Kaffeetafeln, die man heute im Niederbergischen Museum Wülfrath erleben kann, sind aktuell neun Dröppelminas in Gebrauch und live in Aktion zu erleben. In der Dauerausstellung werden 22 Krahnenkannen aus Zinn, Kupfer und Messing präsentiert.

Christa Hoffmann, Niederbergisches Museum Wülfrath

Der Kaffee nicht nur für den Matrosen Piet Griet musste importiert und somit auf dem Seeweg nach Europa und Deutschland gebracht werden. Erst nach einem langen beschwerlichen Weg konnte dieser dann in gehobenen Kreisen genossen werden. Auch andere Waren wurden schon sehr früh weltweit verhandelt, was das nächste Objekt des Monats symbolisieren wird. Es führte auch zu einem besonderen Namen für eine Stadt des Bergischen Landes. Seien Sie gespannt!

Leibgürtel, Enggano, Archiv- und Museumsstiftung der VEM

Leibgürtel, Enggano, Archiv- und Museumsstiftung der VEM

Leibgürtel für Frauen (Insel Enggano, Indonesien, 19. oder Anfang 20. Jahrhundert)

Mai 2023

Dem Foto der „Erzengel“ im vergangenen Monat schließt sich in unserer Reihe „Objekt des Monats“ nun ein Kleidungsstück an, das Frauen auf der Insel Enggano vor der Küste Sumatras trugen. Es war in etwa in der gleichen Zeit Teil ihrer Ausstattung, in der die jungen Frauen des Bergischen Landes in den Erzbergwerken arbeiteten. Letztere konnten sich bei der Handscheidung von erzhaltigem Gestein und Schutt ein Einkommen erwirtschaften. Dagegen mussten sich die Trägerinnen eines solchen Rocks auf Enggano einen derartigen Akt der Emanzipation nicht erst erarbeiten. Hier können Sie erfahren, warum es so war.

Mit etwa 400 km² Fläche ist Enggano nicht einmal halb so groß wie das Stadtgebiet von Berlin. Die Insel war bis ins 19 Jahrhundert abseits der wichtigen Seehandelsrouten gelegen und lange Zeit vergleichsweise isoliert. Nichts desto trotz verfügt sie über ein reiches kulturelles Erbe.
Die Menschen auf Enggano leiteten ihre Herkunft ursprünglich von drei Frauen ab, die ausgesandt waren, um die verschiedenen Verwandtschaftsgruppen (suku) auf der Insel zu begründen. Aus diesem Gründungsmythos ergab sich eine matrilineare Sozialstruktur, d.h.: es waren in der Regel die Frauen, die die suku führten und ihren Besitz von Land, Häusern und Booten an die Töchter vererbten. Die Überlieferungen der kulturellen Praxis auf Enggano sind allerdings vergleichsweise lückenhaft und vage. Als gesichert kann aber gelten, dass die Gürtel von den Frauen bei der Ausrichtung der für die Gemeinschaft wichtigen Erntefeste (eakalea) getragen wurden. Vermutlich unterstrichen sie auch eine bestimmte rituelle Funktion, die ihre Trägerinnen aufgrund ihrer herausgehobenen Stellung im Familienverband innehatten.

Der ästhetische Reiz des Gürtels macht sich in besonderer Weise an den mehrere Tausend zählenden dunkelroten Glasperlen fest, die ihre Trägerin schmückten. Die Perlen wurden auf je ca. 20 cm lange Schnüre aufgereiht, die in ein Band aus fein geflochtenem Rotang eingebunden sind. Hergestellt wurden die Perlen aber weder auf der Insel selbst, noch auf dem gesamten malaiischen Archipel (heute Indonesien und Malaysia) zu dem die Insel gehört.

Woher kamen diese Perlen? Bricht einer der etwa Stecknadelkopf großen Glaskörper, so lässt sich eine innen um das Loch laufende, weiß gefärbte Wandung erkennen. Gelegentlich wird sie als ‚weißes Herz‘ bezeichnet. Die Perlen selbst werden Überfangperlen genannt. Sie wurden ursprünglich in Venedig gefertigt. Ihre Herstellung war zunächst sehr aufwendig. Doch über den Export und die Entwicklung neuer Fertigungstechniken in den Niederlanden und Böhmen im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts fanden Hackperlen, wie sie auch genannt wurden, eine weltweite Verbreitung. So fanden die aus einem zweischichtigen, gezogenen Glasröhrchen ‚gehackten‘ Perlen schließlich ihre (Handels-)Wege bis nach Südostasien.
Da die Menschen auf Enggano aus der Perspektive arabischer, indischer, europäischer und malaiischer Händler wenig von Tauschwert zu bieten hatten, wurden die Perlen in den meisten Fällen nicht direkt von den Handelsschiffen erworben. Stattdessen gab es einen regen Zwischenhandel. Er erfolgte meist über die größeren Inseln Sulawesi und Sumatra. Gerade dieser Umstand war es, der die Perlen auf Enggano umso wertvoller und für ihre Trägerinnen sicher auch umso mehr zum Symbol ihrer herausgehobenen gesellschaftlichen Stellung machte.

Aus Barmen im Tal der Wupper entsandte Missionare und Missionarinnen der Rheinischen Missionsgesellschaft kamen ab 1901 auf die Insel Enggano. Der Leibgürtel kam im Rahmen dieser Missionsarbeit in das Bergische Land nach Wuppertal. Dort ist er heute in der Dauerausstellung des Museums auf der Hardt zu sehen.

Nicht zuletzt kann der Gürtel aber auch für das Motto des aktuellen Themenjahrs des Netzwerks der Bergischen Museen „Alles in Verbindung“ stehen. Denn er wirft nicht nur ein Schlaglicht auf frühe Handelsbeziehungen in einer globalisierten Welt. Er zeigt vielmehr auch Verbindungslinien zwischen dem Leben und gesellschaftlichen Status von Frauen auf, die an entgegengesetzten Enden der Welt, zur selben Zeit unter ganz verschiedenen Bedingungen lebten und wirkten.

Christoph Schwab, Museum auf der Hardt der Archiv- und Museumsstiftung der VEM

Um Welthandel und Statussymbole, die vor allem Frauen zu schätzen wussten, wird es auch bei dem Objekt des kommenden Monats gehen, das uns in das Niederbergische Museum Wülfrath führt. Es ist ein Objekt, das in vielen Bergischen Haushalten zu finden war. Um so verblüffender ist es, dass man ihm eine ursprüngliche Verbindung zu Japan nachsagt. Was es damit auf sich hat, erfahren Sie im Juni.

Frauen am rotierenden Erzlesetisch, um 1900. Foto Bergisches Museum

Frauen am rotierenden Erzlesetisch, um 1900. Foto Bergisches Museum

Foto von „Erzengeln“ in der Erzaufbereitung der Grube Berzelius, um 1900

April 2023

Im März führte das LVR-Freilichtmuseum Lindlar unsere Reihe mit dem Ehevertrag von Caroline Ohlig weiter, die im Jahr 1849 nach Lindscheid bei Nümbrecht im Oberbergischen zog. Der Vertrag dokumentiert ihre umfangreiche Aussteuer, die sie mit in die Ehe brachte. Ungefähr zur gleichen Zeit, im Jahr 1854, wurde im Dorf Herkenrath bei Bensberg die Grube Berzelius aufgemacht, die Blei- und Zinkerze förderte. Der Betrieb sollte auch das Leben der Dorfbewohnerinnen maßgeblich prägen.

Wer durch den Besucherstollen im Keller des Bergischen Museums am Bensberger Burggraben geht, trifft am Ende des Rundgangs auf einen Großdruck dieses Fotos. Aufgetaucht aus der Arbeitswelt unter Tage, die ausschließlich Männern vorbehalten war, erscheint es überraschend, junge Frauen in karierten Kleidern mit hellen Schürzen und hochgesteckten Haaren inmitten des Grubenbetriebs zu sehen.

Die Aufgabe der Arbeiterinnen war es, die frisch geförderten Gesteinsbrocken per Hand vor zu sortieren: Auf dem Foto ist zu sehen, wie sie an runden Erzlesetischen stehen. Diese Tische drehten sich, so dass sie wie an einem Fließband das wertvolle, erzhaltige Gestein in verschiedenen Qualitätsstufen von nutzlosen Brocken und nicht verwertbaren anderen Erzen trennen konnten. Das erzhaltige Gestein wurde dann in mehreren Stufen weiterverarbeitet, so dass am Ende kleinste, reine Körnchen an Bleiglanz und Zinkblende übrigblieben.

Die Arbeit der jungen Frauen, die im Volksmund „Erzengel“ genannt wurden, erscheint uns heute als monoton und körperlich anstrengend. Neben ihnen wurden auch Lehrlinge sowie durch Krankheit oder Verletzungen arbeitsunfähige Bergmänner für diese sogenannte Handscheidung eingesetzt.

Wie in Caroline Ohligs Lindscheid war Herkenrath bis zu Beginn der intensiven Bergbautätigkeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts ländlich geprägt. Die Menschen lebten von der Landwirtschaft oder übten ein Handwerk aus. Die Gruben boten jedoch einen verlässlicheren und besseren Verdienst als die kargen Äcker des Bergischen; viele Männer – und auch Frauen – zog es daher in den Bergbau, um ihren Lebensunterhalt aufzubessern.

Eine derart üppige Aussteuer wie Caroline Ohlig wird dennoch wohl keine der abgebildeten Erzengel zu bieten gehabt haben. Oft blieb den jungen Frauen auch gar nichts anderes übrig, als an die Lesetische zu gehen: das Durchschnittsalter der Bergleute in Herkenrath, die zwischen 1900 und 1915 verstorben sind, lag bei knapp 39 Jahren. Als Erzengel sorgten die Witwen und Töchter für das Familieneinkommen.

Laura Oehms, Bergisches Museum für Bergbau, Handwerk und Gewerbe, Bergisch Gladbach

Im kommenden Monat stellen wir einen Leibgürtel für Frauen aus der Sammlung des Museums auf der Hardt der Archiv- und Museumsstiftung der VEM in Wuppertal vor. Auch die Trägerinnen solcher Gürtel können beispielhaft für das Leben von Frauen in derselben Epoche wie jene der Bensberger „Erzengel“ stehen. Begegnen konnten sie den jungen Frauen aus dem Bergischen Land damals allerdings nicht, denn die Gürtel wurden von Frauen getragen, die sprichwörtlich „an einem anderen Ende der Welt“ auf einer indonesischen Insel am Rand des Indischen Ozeans lebten. Und auch ihre gesellschaftliche Stellung war eine ganz andere, als die der „Erzengel“ in Bensberg.

Der Besucherstollen im Bergischen Museum für Bergbau, Handwerk und Gewerbe. Foto: Bettina Vormstein
Der Besucherstollen im Bergischen Museum für Bergbau, Handwerk und Gewerbe. Foto: Bettina Vormstein
Ehevertrag zwischen J.H. Ohlig und Caroline Westhoff vom 10. Juli 1849, LVR-Freilichtmuseum Lindlar (Ausschnitt)

Ehevertrag zwischen J.H. Ohlig und Caroline Westhoff vom 10. Juli 1849, LVR-Freilichtmuseum Lindlar (Ausschnitt)

Ehevertrag von 1849

März 2023

Im Januar startete das Schloss- und Beschlägemuseum in Velbert die Reihe „Objekt des Monats“ mit einem symbolischen Schlüssel, der uns im Februar zu einer Truhe aus dem Museum und Forum Schloss Homburg führte.

Eine Truhe mit Schlüssel wird auch für Caroline Ohlig geb. Westhoff eine große Rolle gespielt haben, als sie 1849 aus Rosbach an der Sieg in den kleinen Ort Lindscheid bei Nümbrecht zog. Wahrscheinlich bewahrte sie darin einen Teil ihrer umfangreichen Aussteuer auf. Im Objekt des Monats März, dem Ehevertrag zwischen Caroline Ohlig und ihrem Ehemann Johann Heinrich Ohlig, können wir nachlesen, was die junge Frau alles mit in die neue Heimat brachte.

Insgesamt führt der Ehevertrag 55 verschiedene Posten auf. Dabei handelte es sich um 280 Kleidungsstücke (darunter elf Kleider und zwanzig Schürzen), 146 Teile Tisch- und Bettwäsche sowie diverse Haushaltsgegenstände, Bücher und Möbel. Auch ein vergoldetes Kaffeeservice und Goldschmuck im Wert von 25 Thalern gehörten dazu.

Die Auflistung zeigt, wie wohlhabend Caroline Westhoff war. Insgesamt schätzte der Notar ihr Vermögen auf 550 Thaler. Dies war etwa der Preis von zehn Kühen. Zum Vergleich: Eine Magd oder ein Knecht in der Landwirtschaft verdienten ca. 25 bis 35 Thaler im Jahr (bei freier Kost und Unterbringung), ein Lehrer an der Schule erhielt ein Jahresgehalt von 130 Thalern.

Einen Ehevertrag abzuschließen war im 19. Jahrhundert (noch) nicht üblich. Er diente der jungen Frau zur Absicherung, damit sie im Fall einer Auflösung der Ehe ihr großes Vermögen behalten konnte. Bei ihrem Ehemann handelte es sich nämlich nicht um einen reichen Großgrundbesitzer, sondern um einen Uhrmacher mit kleiner Landwirtschaft, dessen erste Ehefrau und Mutter seiner Kinder verstorben war.

Es ist ein glücklicher Umstand, dass der Ehevertrag erhalten geblieben ist. Allein die Auswertung der Inventarliste ermöglicht heute viele interessante Einblicke in das damalige tägliche Leben einer Frau.

Eine Abschrift des Ehevertrages zeigt das LVR-Freilichtmuseum Lindlar im Haus Lindscheid. Hier lebte Caroline Ohlig nach ihrer Hochzeit bis zu ihrem Tod im Jahr 1905. Die Ausstellung gibt zudem einen spannenden Einblick in das Leben der Familie Ohlig, das Handwerk des Uhrmachers und die Alltags- und Sozialgeschichte im Oberbergischen Land im 19. Jahrhundert. Von den im Ehevertrag genannten Gegenständen ist leider nichts im Original erhalten geblieben. Die in der Ausstellung gezeigte Ausstattung der Räumlichkeiten und die Textilien im Kleiderschrank stammen aus der Sammlung des Museums.

Petra Dittmar, LVR-Freilichtmuseum Lindlar

Im nächsten Monat stellen wir ein Foto aus der Sammlung des Bergischen Museums für Bergbau, Handwerk und Gewerbe in Bergisch Gladbach vor. Dieses zeigt junge Frauen, die gar nicht so weit entfernt von Caroline Ohlig in Lindscheid in einem der vielen Bergbaubetriebe des Bensberger Erzreviers als sogenannte „Erzengel“ arbeiteten. Wir fragen uns, ob ihre Lebensumstände in einem ähnlichen Ehevertrag abgebildet worden wären.

Kastentruhe, Museum und Forum Schloss Homburg. Foto Grans, Jung; Düsseldorf

Kastentruhe, Museum und Forum Schloss Homburg. Foto: Grans, Jung

Kastentruhe aus dem Nachlass eines Unternehmers

Februar 2023

Manche Schlüssel haben eine rein symbolische Bedeutung. Einen dieser Art, einen römischen Fingerringschlüssel, hat unser Kollege aus dem Schloss- und Beschlägemuseum Velbert im Januar vorgestellt. Die meisten Schlüssel haben jedoch einen praktischen Nutzen. Mit dem passenden Schlüssel und dem versteckten Schlüsselloch lässt sich die abgebildete Truhe aus dem Museum und Forum Schloss Homburg öffnen.

Die sogenannte flache Kastentruhe aus Fichtenholz steht auf Kugelfüßen und ist mit umlaufenden Endlosfriesen in Form liegender Achten versehen. Diese Stilistik verweist auf eine bergische Herkunft. Die Ornamente der Truhe lassen auf eine Entstehung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließen.

Die Truhe stammt aus dem Familien-Besitz von Peter Kauert (1672 – 1750), dem Besitzer der ehemaligen Grube „15 Löwenpfähle“ in Engelskirchen-Kaltenbach. Seine Enkelin Elfriede Kauert aus Leichlingen berücksichtigte in ihrem Nachlass Schloss Homburg als Erbin. So kam die Truhe 1985 in den Besitz des Museums.

Peter Kauert war damals ein erfolgreicher Eisenerzpionier. Seine Rechte ließ er sich vom Verwaltungsvorgesetzten bestätigen und kennzeichnete sein Grubengebiet mit fünfzehn Pfählen ab, in denen der bergische Wappenlöwe eingebrannt war. Durch den Bau einer Wasseranlage konnte er Pumpen zum Entwässern der Gruben installieren und noch mehr Eisenerz fördern. Eine eigene Schmelzanlage zur Weiterverarbeitung in der eigenen Hütte erweiterten Kauerts Unternehmen. Seine Erfolge erzeugten Neid und Anschuldigungen. Bis zu seinem Lebensende musste er zahlreiche Klagen abwehren. Nach seinem Tod 1750 hinterließ er seinen Kindern ein stattliches Vermögen und schon zu seinen Lebenszeiten war er als der „reiche Kauert“ hochangesehen. 1863 wurde der Grubenbetrieb eingestellt und die Eisenschmelzhütte auf Abbruch verkauft.

Die Museumssammlung auf Schloss Homburg beherbergt zahlreiche Truhen. Aktuell sind eine Runddeckeltruhe von 1768 und eine Flachdeckeltruhe mit einem im Deckel aufwändig installierten Verschlusssystem zu sehen. Letztgenannte aus dem Jahr 1650 wurde als Kriegskasse verwendet. Die abgebildete Truhe mit der Inventarnummer 6019 befindet sich im Depot. Sie ist die einzige aus der Truhen-Sammlung, deren Herkunftsgeschichte uns annähernd bekannt ist.

Truhen dienten auch der Aufbewahrung von Aussteuer für junge Frauen. Sie waren häufig ein Hochzeitsgeschenk und beherbergten je nach sozialer Herkunft hochwertige Textilien, handgefertigtes Leinen oder andere Kleidungsstücke. Dies können wir an einem konkreten Beispiel im nächsten Monat vorstellen. Das LVR-Freilichtmuseum Lindlar verfügt über einen Ehevertrag der belegt, mit welchem „Vermögen“ Caroline Westhoff 1849 heiratete. Ihre große Anzahl an Kleidungsstücken transportierte sie sicherlich in einer Truhe.

Silke Engel, Museum und Forum Schloss Homburg

Römische Fingerringschlüssel aus dem Deutschen Schloss- und Beschlägemuseum Velbert

Römische Fingerringschlüssel aus dem Deutschen Schloss- und Beschlägemuseum Velbert

Römische Fingerringschlüssel

Januar 2023

Mit unserem ersten „Objekt des Monats“ 2023, einem Römischen Fingerringschlüssel aus dem Deutschen Schloss- und Beschlägemuseum in Velbert, schließen wir sinnbildlich unser drittes Themenjahr „Alles in Verbindung“ auf. In zwölf Kapiteln, die immer am Anfang eines Monats an dieser Stelle veröffentlicht werden, stellen wir Ihnen jeweils ein besonderes Objekt aus einem unserer 28 Netzwerkmuseen vor. Wir spannen einen roten Faden, der alle Objekte und ihre Geschichten in naheliegenden oder überraschenden Wendungen miteinander verbindet.

Der Fingerringschlüssel, eine besondere Form des Römischen Hebe-Schiebe-Schlosses, bei dem ein Schlüsselbart auf einen Ring aufgesetzt ist, wurde ausschließlich von Römerinnen am Finger getragen. Bei vielen dieser Schlüssel fällt allerdings auf, dass der Bart nur angedeutet und gar nicht funktional ist.

Ihren Ursprung finden diese Schlüssel im römischen Recht, wonach Frauen erst mit der Eheschließung Anrecht auf eigenen Besitz hatten. Dieser Besitz befand sich sicher verschlossen in der Mitgifttruhe, die vom Vater der Braut mit in die Ehe gegeben wurde. Den Schlüssel zu der Truhe bewahrte die Frau sicher bei sich auf. In Form eines Ringes konnte er zudem offensichtlich am Finger getragen werden, sodass die Frau offenkundig signalisieren konnte, dass sie verheiratet war.

Aus Gründen der Praktikabilität verloren die Schlüssel auf den Ringen im Laufe der Zeit ihre mechanische Funktion und behielten als symbolischen Verweis auf die Existenz einer Mitgifttruhe ihre Außenwirkung. Abgesehen von der mechanischen Verbindung, die Ringschlüssel zwischen der Trägerin und ihrem Besitz herstellen, standen sie als Hinweis auf die Ehe außerdem für die symbolische Verbindung zwischen zwei Menschen.

Auf heutigen Eheringen sucht man einen Schlüsselbart vergebens. Allerdings geht man davon aus, dass sie ihren traditionellen Ursprung in den römischen Fingerringschlüsseln haben.

Die große Bandbreite der römischen Schlüssel können Sie im Deutschen Schloss- und Beschlägemuseum erfahren und sogar selbst ausprobieren, wie sie funktioniert haben.

Von der symbolischen Bedeutung eines Schlüssels wenden wir uns in unserem 2. Kapitel einem Objekt eines Museums im südlichen Bergischen Land zu, das einen ganz praktischen Nutzen in der Verwahrung wertvoller Gegenstände hatte. Was es damit auf sich hat, erfahren Sie hier im Februar.

Emmanuel Giagtzoglou, Deutsches Schloss- und Beschlägemuseum Velbert

Wasserrad Manuelskotten. Baumeister Ernst May - Sammlung Hartmut Schmahl

Wasserrad Manuelskotten. Baumeister Ernst May - Sammlung Hartmut Schmahl

Das Wasserrad des Manuelskotten

Dezember 2022

Das Objekt des Monats Dezember rundet im doppelten Sinn unser Themenjahr „Alles in Bewegung“ ab und erzählt noch einmal von stetiger Bewegung und Wandel.

Es handelt es sich um das Wasserrad des Manuelskotten in Wuppertal-Cronenberg. Das Wasserrad lässt sich nicht nur während der Besucherführungen in Aktion sehen. Es ist auch für Besucher*innen des Kaltenbachtals von außen her einsehbar. Es befindet sich auf der Gebäuderückseite und ist über den Damm erreichbar.

Mit einem Durchmesser von 5,60 Meter treibt es mit typischem Geräusch die großen Schleifsteine an. An denen wird immer noch gewerblich geschliffen. Dies erfordert, die Anlage nicht nur als Anschauungsobjekt sondern auch als aktiven Antrieb möglichst leistungsfähig zu erhalten.

Angetrieben wird das Wasserrad aus dem Kaltenbach, der zu einem großen Teich aufgestaut wird. Als sogenanntes oberschlächtiges Wasserrad wird es von oben her mit Wasser gespeist. Dieses füllt die Schaufeln und setzt das Rad durch die Schwerkraft in Bewegung. Die lange massive Holzachse überträgt die Bewegung ins Gebäudeinnere. Über ein Getriebe mit Transmission betreibt es bis zu drei große Schleifsteine, weitere Schleifgeräte und sogar einen Generator zur Stromerzeugung an.

Der Eiskasten mit Zulauf dient als Verbindung zwischen Teich und Rad. Er verhindert, dass in kalten Wintern Eis auf das Wasserrad gelangen kann. Er beherbergt neben der grundsätzlichen Möglichkeit, den Zulauf des Wassers durch einen Schieber zu steuern, das Regulierschott des Fliehkraftreglers.

Durch die Regulierung mit dieser an Wasserrädern ungewöhnlichen Lösung wird ein optimaler Schliff ohne Überhitzung des Schleifgutes gewährleistet, indem die Geschwindigkeit der Anlage ständig und automatisch mit dem Wasserzulauf am Wasserrad abgeglichen wurde. In anderen Anlagen geschieht dies zumeist durch händisches Nachregeln am Schieber. So wird auch einem eventuellen Zerbersten der bis zu 3 Tonnen schweren Steine mit ihren bis zu 2,8 Metern Durchmesser durch überhöhte Geschwindigkeit vorgebeugt.

Mehr zum Manuelskotten und den Besuchsmöglichkeiten erfahren Sie auf der Webseite www.manuelskotten.de.

Das Wasserrad des Manuelskotten, Wuppertal-Cronenberg. Mit Material von Kurt Hummel, Enno Hungerland und Frank Sonnenberg, Zusammenstellung und Schnitt: Georg Jürgens (georg juergens. designer | kuenstler | schmied (georg-juergens.com)


Ab Januar 2023 setzen wir unsere Reihe „Objekt des Monats“ fort, die dann unter dem Motto unseres dritten gemeinsamen Themenjahres „Alles in Verbindung“ steht.